Alken

Familie Jonas in Alken

Familie Jonas aus Alken  -  Schicksal einer jüdischen Nachbarschaft

Stolpersteine für Sybilla und Erich JonasUm 1924 lebten in der Synagogengemeinschaft Alken-Brodenbach 26 Juden, drei davon aus Alken.[1] Es war das Ehepaar Albert und Sybilla Jonas mit ihrem Sohn Erich. Adam Levy aus Brodenbach, Isidor Günther und Erich Jonas aus Alken wechselten sich im Amt des Kantors ab. Vater Albert Jonas war Vorsteher der Gemeinde. Er verstarb bei Machtantritt der Nazis. Familie Jonas war in Alken beliebt und führte in einem kleinen Bruchsteinhaus in der Moselallee ein Textil- u. Kolonialwarengeschäft.

Beim Novemberpogrom 1938 wurde der Betsaal der Synagogengemeinde in Brodenbach durch SA-Männer und Anhänger der NSDAP demoliert werden. Da sie nicht in das Haus gelangten, begnügten sie sich mit Wandschmierereien. Am nächsten Morgen, dem 10. November, drangen SA-Leute mit Äxten, Knüppeln und Stangen bewaffnet in das Haus ein und zerschlugen das Inventar der Betstube. Eine Nachbarin konnte die Torarollen und Gebetbücher retten und übergab sie dem Pfarrer von Alken. Das Haus Günther, in dem sich der Betsaal befand, wurde in den 1950er Jahren abgerissen. Es stand an der heutigen Rhein-Moselstraße, der ehemaligen Hauptstraße.

Siegfried Forst, Jude aus Brodenbach, schrieb 1938 an seine in London lebenden Nichten einen Brief über Auswanderungspläne. Hier wird die Auswanderung vorsichtshalber mit "die Sache" verschlüsselt. In diesem Brief schreibt er wie folgt: "... Wir haben immer Besuch von Erich [Jonas] aus Alken. Er will nach Schanghai. Es fehlen ihm 105 Dollar für die Reise."

Doch ohne die nur schwer zu beschaffenden Devisen und Bürgschaften ist eine Auswanderung nicht möglich. Auch die Bankkonten sind zu diesem Zeitpunkt grundsätzlich für alle Juden gesperrt. In einem weiteren Brief heißt es: "Was Erich aus Alken vorhat weiß ich nicht, vielleicht immer noch nach Schanghai." Im folgenden Brief: "Erich von Alken und Lina gehen nach Schanghai."

Doch Brodenbacher Nazis, voran der Polizist Bothmann, verhindern eine Auswanderung. Erich Jonas aus Alken sowie Lina gelang nicht der Weg in die Freiheit.

Der März 1942 bringt für die Juden im Kreis Koblenz den Abtransport in den Tod. Im selben Jahr wird durch direkten Befehl von Göring die "Endlösung" umgesetzt. Sicherheitsdienst und SS sind zuständig für die nun folgenden Massenmorde. Im Frühjahr 1942 erreicht ein Rundschreiben die Landräte, die es an die Polizeistationen weiterreichen: Alle Juden müssen an einem bestimmten Tag am Bahnhof Lützel sein. Mitgliederlisten der jüdischen Gemeinden sind an die Gestapo abzuliefern. Es sollten später die Hinrichtungslisten werden.

Die Nachricht über die anstehende Deportation ist so niederschmetternd, dass sich einige sofort das Leben nehmen.

Anfang April 1942 wird Familie Jonas ihrer Heimat entrissen.. Mutter und Sohn werden getrennt abtransportiert und gehen auf eine Reise ohne Rückkehr. In den frühen Morgenstunden wird Erich ein letztes Mal sein Haus verlassen, seine Mutter Sybilla sollte zur Mittagszeit folgen. Die 71jährige wollte ihr Haus nicht verlassen. Weinend saß sie vor ihrer Haustür. Man überwältigte sie, wickelte sie in ein Leinentuch und warf sie auf die Transportfläche eines LKW’s, um sie nach Burgen zu bringen.

Nach der "Reinigung’" Brodenbachs wurden aus Alken deportiert:

  • Erich Jonas (geb. 14.03.1897; gestorben mit 45 Jahren)
  • Sybille Jonas (geb. 05.07.1871; gestorben mit 71 Jahren)

Ein Zeitzeuge: "Ich war am Deportationstag dabei und sah wie die Verladung vor sich ging. Polizist Bothmann stieß und schubste die jüdischen Menschen brutal auf den Lastwagen. Er warf die Kinder in hohem Bogen darauf, sodass sie hinterher bluteten. Es war unmenschlich und entsetzlich. Ein Mädchen namens Bela war mit 4 Jahren das jüngste Kind bei dieser Deportation."

Die meisten Deportierten werden nach Koblenz gebracht. Am 8. April 1942 machen die Brodenbacher Juden und vielleicht auch die beiden Alkener einen Umweg nach Bad-Salzig am Rhein. Sie werden in dem abrissreifen Hotel "Schwan" untergebracht. Die Exerzierhalle in Koblenz an der Steinstraße, ein gut bewachtes Strohlager angefüllt mit verängstigten Menschen, ist der letzte Aufenthaltsort auf heimatlichem Boden.

Vom Güterbahnhof Lützel erfolgen sieben Menschentransporte. Der erste am 21. März 1942, der letzte noch am 19. Februar 1945!

Familie Jonas wird vermutlich mit dem zweiten Zug am 30. April 1942 deportiert worden sein. Die Deportationsliste enthält Namen von 105 Juden aus dem Rhein-Mosel-Gebiet. Kinder bis zwei Jahre wurden gar nicht erst registriert. Laut Elmar Ries in einem Beitrag der Zeitschrift SACHOR 1994 stammen bei diesem Transport auch zwei Juden aus Alken. Es ist bekannt das die 2. Deportation am 30. April 1942 ein Sammeltransport jüdischer Bürger aus der Umgebung Koblenz war.  Alle Züge von Koblenz fuhren nach Osten, einige bis nach Minsk in Weißrussland. Die Spur der beiden Alkener verliert sich in Minsk und Izbica (Ostpolen)  Minsk und Izbica waren riesige Ghettos. Hier wurden tausende Juden zusammen gepfercht. Ein letztes Dokument gibt Auskunft:

  • Jonas, Sibylla geb. Oster, *05.07.1871, verschollen Minsk
  • Jonas, Erich, *14.03.1897, verschollen Izbica

Falls die beiden diese KZ überlebten, ging es von dort aus in die Vernichtungslager Belzek, Sobibor oder Majdanek.

Eine Notiz die ich im Internet fand, gibt Auskunft über die Zugstrecke dieses Transportes: 1066 Personen, "Koblenz mit Halt in Köln, Düsseldorf, Duisburg" nach Izbika - Belzek[2].  Wo die Alkener Juden blieben ist unbekannt. Es gibt keine Überlebenden. Unmittelbar nach der Ankunft im Vernichtungslager wurden ihnen die Kleider weggenommen, Goldzähne ausgerissen und die Haare rasiert, u.a. um Perücken daraus zu machen. Sie wurden in als Duschräume getarnte Gaskammern geführt, starben (möglicherweise durch Zyklon B) qualvoll in 15 bis 20 Minuten. Die Leichen wurden in Krematorien gebracht, falls sie nicht schon in ausgehobenen Gruben als Scheiterhaufen brannten. Verbrannt wurden die Juden von ihren "arbeitsfähigen" Landsleuten. Wer sich weigerte wurde vor Ort erschossen oder in den Ofen gestoßen. Im Lager geborene Kinder wurden sofort ertränkt.

Bis kurz vor der Befreiung der Lager versuchte die SS Beweise zu vernichten und Spuren zu verwischen. Trotzdem fanden sich noch fast 120.000 Kleidungsstücke von Kindern unter 10 Jahren bis zum Säugling.

Was Familie Jonas angeht, haben es die Mörder beinahe geschafft ihre Spuren zu beseitigen. Ich denke ihre Asche wurde auf Feldern fern der Heimat verstreut.

Lieber Erich, liebe Sybilla, wir haben euch nie gekannt, doch wir werden Euch in Erinnerung behalten.

Aus Alken sind umgekommen [3]:


Verwendete Quellen:

  • Erzählungen von Alkener Zeitzeugen.
  • Giesing, Georg: "Wir sind doch ein Leut". Auf der Suche nach dem jüdischen Viehhändler Siegfried Forst aus Brodenbach. Briedel/Mosel 2000 (ISBN 978-3-929745-83-2).
  • Jüdische Geschichte in Brodenbach mit Alken, Burgen, Hatzenport, Löf und Oberfell (VG Untermosel, Kreis Mayen-Koblenz), in: www.alemannia-judaica.de/brodenbach_synagoge.htm (zuletzt aufgerufen am 30.1.2011)
  • May, Josef; Rogge, Dieter: Die Vertreibung deutscher Juden aus Alken, Brodenbach, Burgen, Dieblich, Gondorf, Hatzenport, Kobern, Lehmen, Löf und Niederfell, in: Mosel-Kiesel / hrsg. von der Volkshochschule Untermosel. Kobern-Gondorf 1 (1998), S. 163-181 (ISBN 3-9806059-0-6).
  • Rath, Nicole: Familie Jonas, in: SWR 2 - Hörspiel (Ausstrahlung am 5.5.1988, 8:30-9:00 Uhr) auf Basis ihrer Facharbeit ander Hauptschule in Kobern-Gondorf "Damals waren es die Juden oder die Zeit allein heilt keine Wunden!".
  • Ries, Elmar: Die Deportationen von jüdischen Mitbürgern aus Koblenz und Umgebung, in: Sachor Heft 5 (1993), S. 32-45.

Verfasser:

Holger Simonis, Interessengemeinschaft Historisches Alken anlässlich der Stolpersteinverlegung im Oktober 2010


Anmerkungen:

[1] Vgl. Jüdische Geschichte in Brodenbach mit Alken, Burgen, Hatzenport, Löf und Oberfell (VG Untermosel, Kreis Mayen-Koblenz), in: www.alemannia-judaica.de/brodenbach_synagoge.htm (zuletzt aufgerufen am 30.1.2011).

[2] Deportationen von und nach Izbica, in: www.bildungswerk-ks.de/izbica/deportationen-von-und-nach-izbica (zuletzt aufgerufen am 30.1.2011).

[3] Der im Gedenkbuch des Bundesarchivs nachgewiesene Siegfried Gottschalk *16.4.1928 soll gleichfalls aus Alken / Mosel stammen. Zudem weist die zentrale Datenbank der Shoah-Opfer von Yad Vashem einen Jacob Goldstein *3.7.1941 nach, der gleichfalls aus Alken / Mosel stammen soll und am 19.4.1943 deportiert wurde.

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